GENETISCHE URSACHEN FÜR UNERFÜLLTEN KINDERWUNSCH
Unerfüllter Kinderwunsch, sei es wegen Ausbleiben einer Schwangerschaft oder wiederholter Fehlgeburten, kann genetische
Ursachen haben. Zur Abklärung ist daher häufig eine genetische Untersuchung zu empfehlen.
Ursachen können chromosomale Veränderungen oder Veränderungen (Mutationen) in einzelnen Genen sein.
Chromosomale Veränderungen können in den meisten Fällen mit Hilfe einer Chromosomenanalyse festgestellt werden,
Genveränderungen, sogenannte Mutationen, mit Hilfe spezieller molekulargenetischer Methoden.
CHROMOSOMALE VERÄNDERUNGEN:
Im Zellkern jeder einzelnen Körperzelle ist die gesamte genetische Information enthalten, verpackt
in den Chromosomen. Der normale menschliche Chromosomensatz besteht aus 46 Chromosomen, die sich in Größe und Struktur
voneinander unterscheiden. Zwei besondere Chromosomen, die als X- und Y-Chromosom bezeichnet werden, entscheiden über
das Geschlecht eines Menschen und werden deshalb auch Geschlechtschromosomen (Gonosomen) genannt. Frauen haben in ihren
Zellkernen zwei X-Chromosomen und Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Der Chromosomensatz und der Karyotyp beschreiben
Anzahl und Struktur der Chromosomen eines Menschen (z.B. unauffälliger männlicher Chromosomensatz: 46,XY; unauffälliger
weiblicher Chromosomensatz: 46,XX).
Sind Zahl oder Struktur der Chromosomen verändert, so führt dies entweder zu Verlust oder Zugewinn
von genetischem Material (unbalancierte Chromosomenveränderung), oder es findet keine quantitative Veränderung des
genetischen Materials statt (balancierte Chromosomenveränderung).
Unbalancierte Chromosomenveränderungen:
Trägt ein Mensch einen unbalancierten Chromosomensatz, so entwickelt er sich in den meisten Fällen
nach einem eigenen genetischen Programm, das mit einem besonderen äußeren Erscheinungsbild, häufig auch Organfehlbildungen
und in den meisten Fällen mentaler Retardierung verbunden ist.
In den Fällen, in denen die Anzahl der Geschlechtschromosomen betroffen ist, handelt es sich um numerisch
(zahlenmäßig) unbalancierte Chromosomensätze, die meist mit milden äußere Besonderheiten verbunden sind. Träger solcher
Chromosomenveränderungen sind häufig unauffällig. Entdeckt wird diese chromosomale Besonderheit unter anderem erst durch
eine Chromosomenanalyse, die wegen unerfüllten Kinderwunsches durchgeführt wird.
Die häufigsten unbalancierten numerischen Chromosomenveränderungen sind:
47,XXY-Karyotyp
Bei einem von tausend Neugeborenen ist ein 47,XXY-Karyotyp (Klinefelter-Syndrom) zu erwarten. Säuglinge und
Kleinkinder fallen ihren Eltern nicht auf. Sie erreichen die Meilensteine ihrer psychomotorischen Entwicklung
etwas später als andere Kinder und verhalten sich eher ruhig und zurückhaltend. Alles liegt aber im Rahmen der
normalen Variabilität. So wird die Diagnose in den meisten Fällen erst im Erwachsenenalter aufgrund einer
verspäteten Pubertätsentwicklung gestellt oder noch später wegen unerfüllten Kinderwunsches. Grund dafür
ist ein hypergonadotroper Hypogonadismus und resultierend eine Azoospermie. Männer mit einem 47,XXY-Karyotyp
können somit spontan keine Kinder zeugen. Mit reproduktionsmedizinischer Hilfe ist es in einigen Fällen
möglich, den Kinderwunsch dennoch zu erfüllen.
45,X-Karyotyp
Frauen mit einem Karyotyp 45,X (sogenanntes Turner-Syndrom) sind normal intelligent. Sie sind klein und haben einige
äußere Besonderheiten. Aus reproduktionmedizinischer Sicht steht ihre primäre Ovarialinsuffizienz im Vordergrund. Ihre
Eizellen bilden sich schon kurz nach der Geburt zurück und die Eierstöcke (Ovarien) bilden bindegewebige
Stränge, sogenannte Streak-Ovarien. Es bedarf einer hormonellen Substitution. Diese Frauen sind unfruchtbar.
Bei manchen Frauen tragen nur einige wenige Zellkerne einen Chromosomensatz mit einem fehlenden X-Chromosom. Bei diesen
Frauen ist die Fertilität mehr oder weniger eingeschränkt. Sie kann aber auch völlig erhalten sein, wenn in Zellen der
Eierstöcke ein unauffällige weiblicher Chromosomensatz vorliegt.
47,XXX-Karyotyp
Frauen mit diesem Chromosomensatz sind gesund und fruchtbar, können aber an ihre Kinder ein überzähliges
X-Chromosom weitergeben. Söhne tragen dann den Karyotyp 47,XXY (siehe oben) und Töchter denselben Chromosomensatz
wie ihre Mütter.
Balancierte Chromosomenveränderungen:
Verändern sich Struktur und/oder Anzahl von Chromosomen ohne Verlust oder Zugewinn von genetischem
Material so spricht man von balancierten Chromosomenveränderungen. Sie sind für die Körperzellen eines Organismus ohne
Auswirkungen und haben daher für den Betroffenen keinen Krankheitswert. Erst bei der Keimzellreifung können Eizellen bzw.
Spermien (Keimzellen) mit einem unbalancierten Chromosomensatz entstehen. Die nach der Befruchtung entstandene Zygote trägt
einem unbalancierten Chromosomensatz, was eine Fehlentwicklung des Embryos zur Folge hat. Dies führt entweder zum Ausbleiben
einer Schwangerschaft, da der entstehende Embryo nicht die Fähigkeit zur Einnistung in die Gebärmutterschleimhaut hat,
häufigen Fehlgeburten oder Geburten von Kindern mit Fehlbildungen und mentaler Retardierung.
Bei Männern können balancierte Chromosomenveränderungen zu Azoo- bzw. Oligozoospermie und damit zu Unfruchtbarkeit führen.
Balancierte Chromosomenveränderungen werden unter anderem im Rahmen einer Sterilitätsabklärung entdeckt.
Diagnostik:
Chromosomenanalyse aus weißen Blutkörperchen (peripheren Lymphozyten)
GENVERÄNDERUNGEN
Oligo- oder Azoospermie (deutlich herabgesetzte Spermienzahl) bei Männern können auf
Veränderungen (Mutationen) in einzelnen Genen zurückgeführt werden. Es wird zwischen obstruktiver (Verschluß oder
Fehlen der Samenleiter) und nicht obstruktiver Azoospermie (Ausbleiben der Samenproduktion) unterschieden.
Eine obstruktive Azoospermie kann genetisch bedingt sein und auf eine Fehlanlage der Samenleiter
zurückgeführt werden. Männer mit einer Aplasie der Vasa deferentia (Fehlen der Samenleiter) tragen häufig (60 - 70 %)
Mutationen im Gen für die Cystische Fibrose (Mukoviszidose) (CFTR-Gen).
Mit Hilfe einer molekulargenetischen Analyse können Mutationen im CFTR-Gen nachgewiesen werden.
Wird bei einem gesunden Mann mit einer Azoo- bzw. Oligozoospermie eine Mutation nachgewiesen, so besteht für seine
nach IVF-Behandlung geborenen Kinder ein gegenüber dem allgemeinen Risiko erhöhtes Risiko für eine Cystische Fibrose.
Um ein Risiko besser abschätzen zu können, wird in solchen Fällen die Partnerin zusätzlich untersucht.
Molekulargenetische Untersuchungen des CFTR-Gens werden bei uns im Rahmen eines humangenetischen Beratungsgespräch
durchgeführt, in dem die individuellen Risiken für spätere Kinder mit den Ratsuchenden besprochen und abgewogen
werden, sowie weitere genetische Untersuchungen der Eltern in Erwägung gezogen werden.
Bei ca. 10 % aller Männer mit nicht-obstruktiver Azoo-bzw. Oligozoospermie findet man Deletionen auf dem Y-Chromosom.
Die entsprechende Genregion wird als AZF-Genregion bezeichnet (AZF. Azoospermie-Faktor).
Nur in Einzelfällen kann mit Hilfe der Reproduktionsmedizin der Kinderwunsch von Männern, die auf ihrem Y-Chromosom eine
Deletion tragen, erfüllt werden. Söhne, die dann geboren werden, tragen nicht unbedingt die väterliche Deletion.
Wiederholte Fehlgeburten (Habituelle Aborte) können bei einigen Frauen Folgen von Genmutationen sein.
Träger von Mutationen in den Gerinnungsfaktoren Faktor V und Faktor II (Prothrombin) haben ein erhöhtes Risiko für
Thrombosen oder Embolien und Frauen neigen im Falle einer Schwangerschaft eher zu Fehlgeburten. Wird bei einer
Frau eine solche Mutation diagnostiziert, so kann mit einer antikoagulativen Behandlung einer Fehlgeburt vorgebeugt werden.
Ein weiterer Faktor, der für häufige Aborte pädisponiert, sind Mutationen im Gen der
Methylentetrahydofolat-Reduktase (MTHFR), ein den Folatstoffwechsel regulierendes Enzym. Niedrige Folatspiegel
können mit Neuralrohrdefekten beim ungeborenen Kind und Fehlgeburten verbunden sein. Folsäure-Einnahme in der
Schwangerschaft ist in diesem Fall die beste Prophylaxe.
Genetische Beratung:
In Rahmen eines humangenetischen Beratungsgespräches werden gemeinsam mit den Ratsuchenden genetische
Ursachen und Probleme unerfüllten Kinderwunsches ausführlich besprochen, sowie individuelle genetische Risiken für die
Ratsuchenden und zukünftige Kinder abgeschätzt und wenn es erforderlich ist, genetische Diagnostik durchgeführt werden.
GLOSSAR:
AZF: Azoospermie Faktor; ein auf dem langen Arm des Y-Chromosoms gelegener
Chromosomenbereich, der Gene enthält, die für die Spermatogenese von Bedeutung sind.
Männer mit einer Azoospermie können kleine Deletionen in diesem Chromosomenbereich
haben, die molekuargenetisch nachgewiesen werden können.
Chromosom: (aus dem Griechischen; Chromos: Farbe und Soma: Körper)
Anfärbbare stäbchenförmige Strukturen im Zellkern, die sich während der Zellteilung
bilden und im Zellteilungsstadium der Metaphase dargestellt werden. Sie sind Träger
der Erbanlagen. Der Mensch hat 46 solcher aus DNA und Protein bestehender Körperchen,
wobei sich Mann und Frau durch ihre Geschlechtschromosomen unterscheiden: Mann 46,XY;
Frau 46,XX. Unterteilung der Chromosomen in einen kurzen Arm (p-Arm), ein Centromer
(Einschnürung, wichtig für den Teilungsvorgang) und einen langen Arm (q-Arm).
Chromosomenanalyse: Darstellung der Methaphasechromosomen aus sich
teilenden Blutzellen, Hautzellen (Fibroblasten), Amnionzellen oder Chorionzellen.
Chromosomensegment: Bereich eines Chromosoms
CF (Cystische Fibrose): Synonym: Mukoviszidose. Genetisch bedingte
Multisystemerkrankung, die mit einer starken Verschleimung der Bronchien und einer
zunehmenden Pankreasinsuffizienz einhergeht. Mit 1:2500 (Erkrankungshäufigkeit)
ist dies eine der häufigsten auf Mutationen in einem Gen zurückzuführende Erkrankungen
in Nordeuropa. Sind zwei gesunde Eltern Überträger für diese Erkrankung, so erkranken
25 % der Kinder. Eine molekulargenetische Diagnostik ist möglich.
CFTR: Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator; membranständiges Protein,
das den Transport von Chlorid-Ionen durch die Zellmembran steuert. Mutationen in dem Gen für dieses
Protein führen zur Erkrankung der Cystischen Fibrose.
Deletion: Verlust eines Chromosomen- bzw. DNA-Bereichs. Man unterscheidet
interstitielle Deletionen: Bruchstückverlust innerhalb eines Chromosoms; terminale
Deletionen: Bruchstückverlust am Ende des Chromosoms; Gendeletion: Verlust einzelner
Gene; Basenpaardeletion: Verlust einzelner Bausteine eines Gen.
DNA: Abkürzung für Desoxyribonucleic Acid
(Desoxyribonukleinsäure). Dieses polymere Riesenmolekül ist der Träger der
Erbinformation und Bestandteil der Chromosomen.
Gen: Der aus DNA bestehende Teil des Erbmaterials, der Erbinformationen
für ein bestimmtes Protein (Eiweißmolekül) trägt.
Gonosomen: (Geschlechtschromosomen) Die für das Geschlecht entscheidenden
Chromosomen: X-Chromosom, Y-Chromosom
Karyotyp: Homologe (gleiche) Chromosomen werden nach Länge,
Lage des Centromers, und nach dem Bandenmuster paarweise angeordnet.
Molekulargenetik: Genetische Untersuchung einzelner Gene oder
Genbereiche
Mutation: (lateinisch mutare: verändern) Veränderungen in einem Gen,
Genbereich oder Chromosomenbereich
Oogenese: Bildung der reifen, haploiden (23 Chromosomen enthaltenden)
Eizelle aus diploiden (46 Chromosomen enthaltenden) Oogonien
Spermatogenese: Bildung der haploiden (23 Chromosomen enthaltenden)
Spermien aus diploiden (46 Chromosomen enthaltenden) Vorläuferzellen (Spermatogonien)
Zytogenetik: Untersuchung der Chromosomen in Bezug auf ihre Anzahl
und Struktur
|